
Aufruf
Sowas kommt von sowas - Dessau war Täterstadt.
Gegen Geschichtsrevisionismus und Antisemitismus!
Naziaufmarsch am 08. März 2008 kaputtfeiern!
Am 08. März 2008 mobilisieren die neonazistische NPD und die mit ihr eng verbundenen Kameradschaften nach Dessau (Sachsen-Anhalt) zu einem „Trauermarsch im Gedenken an die Zerstörung der Stadt Dessau vom 7.3. 1945“. Der Aufmarsch reiht sich inhaltlich in die geschichtsrevisionistische und antisemitische Dauer-Kampagne der Nazis ein, die eine Gleichsetzung von Opfern und Tätern betreibt und die Shoa leugnet und relativiert.
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>>>>Der deutsche Opfermythos – eine Spielwiese, nicht nur für Nazis
Man muss sich nicht wundern, dass Neonazis und Rechtsextremisten auch in diesem Jahr durch die deutschen Metropolen und die ostdeutsche Provinz tingeln, um die militärische Zerschlagung des Nationalsozialismus durch die alliierten Truppen wahlweise als „Bombenterror“ oder „imperialistisches Verbrechen am deutschen Volk“ zu geißeln. Damit machen die Vorreiter einer neuen Volksgemeinschaft genau das, was von ihnen erwartet wird. Als sicherlich ungewolltes Nebenprodukt geben die Kameraden damit dem deutschen Mob und der engagierten Zivilgesellschaft erneut die Steilvorlage, auf die alljährlich sehnsüchtig gewartet wird. Wenn Nazis mit ihrer infantilen Logik der Bombardierung deutscher Städte gedenken, qualifiziert sie das nicht nur zum parteiübergreifenden Feindbild. Mehr noch, vom Bundeskanzleramt bis zum letzten Kommunalpolitiker der Linkspartei beschwören Verantwortungsträger eine Gefahr für die Demokratie, die dem Kultur- und Wirtschaftsstandort Deutschland nicht nur abträglich ist, sondern zudem mächtig am Ansehen des Landes kratzt.
Nach dem Aufpolieren des Images im Zuge der Fußball-WM ist man stinksauer, sich durch die Schmuddelkinder von Rechts die ureigenste deutsche Gedenk-Leit-Kultur versauen zu lassen. Da hat die Bürgergesellschaft es in Jahrzehnten fleißiger Wühlarbeit geschafft, die eigenen Mythen und Verdrängungsneurosen bei der Bewältigung des „dunkelsten Kapitels der deutschen Geschichte“ endlich in eine mehrheits- und anschlussfähige Form zu bringen, und dann so etwas. Wie lange hat man dafür gestritten und sich von den einstigen Siegermächten Watschen abgeholt, um endlich die „Opfer des Bombenkrieges“ betrauern und die „Schuld der Vertreibung“ lauthals anprangern zu dürfen?
Nazis hin oder her - trotz ein paar krakelender Rechtsextremisten hält man unbeirrt an dieser entwickelten Gedenkkultur fest. Das Konstrukt des deutschen Opfermythos wird weiterhin gepflegt. Unter dem Motto: „Nie wieder!“ werden auf den diversen Gedenkevents natürlich auch die Opfer des nationalsozialistischen Terrors erwähnt, ohne jedoch jene unter der deutschen Zivilbevölkerung zu vergessen. Nicht nur zum Volkstrauertag werden in Dresden, Dessau oder Klein Wülknitz zunächst Kränze am Ehrenmal für die sowjetischen Soldaten abgelegt und anschließend auf dem selben Friedhof der gefallenen Frontsoldaten und Kriegshelden zu gedenken. Mit unterschiedlicher Intention wird die Shoa aus geschichtsrevisionistischen Motiven thematisiert, sofern sich die Erwähnung deutscher Verbrechen als politisch nützlich erweist. Alles war im Krieg irgendwie schlimm, die historisch definierten Kategorien Opfer und Täter haben sich aufgelöst und fertig ist sie: die deutsche Kollektividentität ohne braune Flecke auf der Weste. Dieser vermeintliche Zuwachs an moralischer Kompetenz hilft dabei ungemein, die Erinnerung an die deutschen Opfer legitim erscheinen zu lassen. Denn die Protagonisten der neuen Gedenk-Leit-Kultur durften ihre Volksgenossen 63 Jahre lang nicht öffentlich betrauern.
Diese pathologische Wahrnehmungsstörung lässt dabei völlig außer Acht, dass in der westdeutschen Gesellschaft bis in die 1970er Jahre hinein eine Auseinandersetzung mit dem Holocaust unzureichend stattfand und vielmehr breitenwirksam die eigenen Opfer im Vordergrund standen. Und auch in der DDR wurden – verstärkt v.a. in den 1980er Jahren – die Bombardements der Alliierten, hier vor allem der Amerikaner und Briten, ohne eine ernsthafte Einordnung in den historischen Kontext, als „Bombenterror der Alliierten“ verunglimpft. Übrigens ein Syntax, den die NPD schon vor Jahren für sich übernommen hat.
Die in diesem Zusammenhang erfolgte Stilisierung der deutschen Opfer als „Unschuldige“, als „Opfer unter Opfern“, klammert einen wesentlichen Punkt aus: Die deutsche Bevölkerung war keinesfalls unschuldig an der Entwicklung dieser Ereignisse, an der Machtergreifung der Nazis, an den Verbrechen der Wehrmacht, am Holocaust. Alles geschah im Wissen und mit Zustimmung der großen Mehrheit der Deutschen.
Um den Massenmord in Auschwitz und anderen Todesfabriken zu beenden, mussten die theoretischen und praktischen Garanten für dieses singuläre Menschheitsverbrechen bis zur letzten Konsequenz militärisch bekämpft werden. Die Schreibtischtäter, die SS, die Wehrmachtssoldaten und natürlich die fanatisierten Volksgenossen waren Täter: Auch und gerade in Dessau!
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>>>>Dessau – ein Ort mit antisemitischer Tradition
Im damaligen Land Anhalt dominierte die NSDAP bereits 1932 den Landtag, wobei Dessau zu diesem Zeitpunkt bereits ein bedeutend ideologisches und verwaltungstechnisches Zentrum der Nationalsozialisten darstellte. Bei den entsprechenden Wahlen im April 1932 wurde die NSDAP mit 15 Mandanten (vormals gerade 1 Mandat) stärkste Fraktion, 6 dieser kamen dabei aus Dessau. Die NSDAP stellte zudem mit Alfred Freyberg den Ministerpräsidenten in einer Koalitionsregierung. Später wurde Dessau sogar Gauhauptstadt, obwohl der Gau offiziell „Magdeburg-Anhalt“ hieß. Diese Entwicklung war nur möglich, weil es bereits in den 1920iger Jahren gut funktionierende völkisch-nationalistische Strukturen und einen organisierten Antisemitismus gab.
Dass Dessau für die Nationalsozialisten nicht irgendein unbedeutender Fleck auf der Landkarte war, zeigen zahllose Veranstaltungen im Kristallpalast mit hochrangigen Funktionären innerhalb der Parteihierarchie.
So traten u.a. Gregor Strasser (SA-Führer), Fritz Sauckel (später Gauleiter in Thüringen und Reichsbevollmächtigter für die Fremdarbeiter), Joseph Goebbels und Adolf Hitler in Dessaus größtem Saal auf. Am 31. Oktober 1931 schließlich, am Vorabend der anstehenden anhaltischen Kommunalwahlen, nahm Adolf Hitler stehende Ovationen in Empfang. Hitler sprach am 23. Juli 1932 nochmals in Dessau, diesmal allerdings unter freien Himmel. Der Kristallpalast reichte für die Zigtausenden von Nazianhänger in Dessau längst nicht mehr aus.
Am 01. April 1933 erging der erste öffentliche Boykottaufruf gegen jüdische Geschäfte, Arztpraxen und Handwerkerbetriebe. Am 09. November brannte auch in Dessau die Synagoge und der israelitische Friedhof wurde geschändet. Nachdem alle in Dessau verbliebenen Juden in einer Tageszeitung mit Namen und Adressen, ein offener Pogromaufruf, veröffentlicht wurden, folgten Plünderungen und Zerstörungen jüdischer Geschäfte.
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>>>>Dessau – keine unschuldige Stadt
Am 07. März 1945 griffen alliierte Bomberverbände Dessau an. Die Stadt an der Mulde war nicht nur ein Zentrum der Nazi-Rüstungsindustrie, in der für die verbrecherische deutsche Wehrmacht u. a. Kampfflugzeuge und Munition produziert wurden. In Dessau befand sich zudem der Hauptproduktionsort des Schädlingsbekämpfungsmittel Zyklon B. Mit diesem Giftgas ermordeten die Nationalsozialisten industriell Millionen Menschen, vor allem Juden in den Vernichtungslagern. Tausende von ZwangsarbeiterInnen aus ganz Europa mussten unter unmenschlichen Bedingungen in den Betrieben Sklavenarbeit verrichten.
Im Gegensatz zur deutschen Zivilbevölkerung wurde den ZwangsarbeiterInnen bei Luftangriffen der Zugang zu Schutzräumen verwehrt. Entsprechend viele Menschen kamen deshalb bei den Angriffen ums Leben. Sie waren Opfer, aber nicht etwa der alliierten Bombardierungen, sondern die der fanatischen Volksgenossen. Einigen gelang, begünstigt durch das Chaos der Kriegshandlungen, die Flucht aus den Lagern. Am 21. April 1945 befreiten amerikanische Truppen die am Leben gebliebenen Opfer des Naziterrors in Dessau.
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>>>> Wir danken den Alliierten!
In einer Stadt, in der eine Hip Hop-Crew munter vom Judenmord rappt ohne es gemerkt haben zu wollen, kann einem das schöne Leben im Falschen schon einmal abhanden kommen. In einer Region, in der der aktuelle Restpostenkatalog des Discounters um die Ecke allemal mehr zählt als wirkliches Lebensgefühl, Kultur und Esprit, muss man sich nicht wundern, wenn einem die Party vergehen kann. In einem geschützten Biotop für Gartenzwerge, Modernisierungsverlierer, Sozialpopulisten und Alltagsrassisten, muss man sich nicht wundern, wenn man eigentlich nichts zu feiern hat.
Wir wollen es trotzdem wagen!
Deshalb auf in die Provinz!
Denn die Provinz feiert und alle sind dabei!
08. März 2008 / 11.00 Uhr / Partydemo
Dessau / Heidestrasse / Höhe Friedhof III
AG Operation Taschentuch
Infos&Kontakt: www.dessauimmaerz.tk
Post bitte an: dessauimmaerz@gmx.de
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